„Wer Menschen führt, muss Menschen mögen.“

Ein Interview mit Jens Alsleben

2013 beobachtete Jens im Rahmen einer Unternehmensrestrukturierung, für die er damals verantwortlich war, dass einige der Mitarbeiter*innen stressbedingt ausfielen, weil ihr Körper ‘Stopp’ sagte: Eine Führungskraft hatte einen Nervenzusammenbruch und ein anderer einen lebensbedrohlichen Bandscheibenvorfall. Damit kam der Wandel: Jens wusste, er wollte zukünftig helfen, Menschen in schwierigen beruflichen Umbruchsituationen zu stabilisieren. Er ließ sich daraufhin über drei Jahre zum Gesprächstherapeuten ausbilden, mit dem Leitbild: “der Klient ist der Profi, der Therapeut sein Begleiter auf Augenhöhe” und begleitete seitdem ehrenamtlich Menschen in Lebenskrisen. Letztes Jahr, nach 800 Kilometern wandern auf dem Jakobsweg, war ihm dann endgültig klar: Mit seiner Erfahrung will er Führenden von heute helfen, selbstreflektiert und authentisch zu führen und ihre Mitarbeitenden Stärken- und potenzialorientiert zu entwickeln. Denn: Wer Menschen führt, muss Menschen mögen.

Jens Alsleben
Coach, grossefreiheit.com

„Die Zeit für ein neues Leadership ist da! Selbstreflektierte, authentische Chefs, die zuhören und Ihre Mitarbeitenden Ihren Stärken und Potenzialen entsprechend fördern und einsetzen, die begeistern und Purpose bieten sind die, mit denen wir in Zukunft arbeiten wollen. Die Zeit der „harten Jungs“ ist spätestens seit Corona zu Ende – und das finde ich supercalifragilistic-expialigetisch!!“

Deine Botschaft für unsere Initiative schließt mit dem Satz: “Die Zeit der „harten Jungs“ ist spätestens seit Corona zu Ende – und das finde ich supercalifragilistic-expialigetisch”. Wie bitte?
Jens: Supercalifragilistic-expialigetisch ist vom Film Mary Poppins und bedeutet für mich “nicht mehr steigerbare Begeisterung.”

Begeisterung für was?
Jens: Das “Mensch sprechen” immer mehr Zustimmung findet! Als mein Partner Jörg Ristau und ich Anfang März 2020 den Fokus von grossefreiheit.com auf “New Leadership” ausrichteten, dachten wir nicht, dass Corona einen so verstärkenden Effekt für unsere Unternehmung mit sich bringt: Wir coachen mittlerweile eine Reihe erfolgreicher Führungskräfte und begleiten Unternehmen aller Art, und es gab in den letzten Monaten einen zunehmend großen Zuspruch auf unser Bekenntnis zum New Leadership, also einer emotionalen, beziehungs- und stärkenorientierten Führung.

Daher auch der Hashtag #humanizebusiness als Appell? Ist die Menschlichkeit verloren gegangen?
Jens: Nein, das nicht unbedingt, aber Menschlichkeit wird ein viel wichtiger Eckpfeiler für die Kultur in Unternehmen sein. Die Prägung der Generationen verschiebt sich: Mein persönliches Schlüsselerlebnis für mein Leben war die Wiedervereinigung, was zum Beispiel für die Erziehung meiner Kinder bedeutete, sich als Weltbürger zu verstehen und über das Reisen Toleranz gegenüber jedermann zu lernen. Nun erleben wir prägende Lebensereignisse wie den Klimawandel und die Corona-Pandemie. Die junge Generation lernt, die Zivilisation ist durchaus brüchig: Die Gesundheit ist ein hohes Gut und die Natur gilt es zu schützen. Das führt zum Beispiel zu dem persönlichen Wunsch nach einem ausgeglicheneren Leben und wieder mehr Spiritualität als persönliche Antwort auf eine Welt,die unerwartbarer und unvorhersehbarer wird.

Was bedeutet das für den Beruf und das Arbeitsumfeld?
Jens: Die Mitarbeiter*innen von morgen wollen anders geführt werden. Sie erwarten ein Umfeld, das von gegenseitiger Offenheit geprägt ist, wo sie im Rahmen Ihrer Potenziale gefördert werden. Und wo sie als Mensch ernstgenommen werden. Sie sind nicht länger bereit, Ihre Authentizität am Werkstor abzugeben, sondern wollen im Job ihre Stärken ausleben. Als Führungskräfte müssen wir erkennen, dass wir uns nicht mehr länger zwischen Mensch und Kapital entscheiden müssen, sondern durch einen Fokus auf den Menschen und die Mitarbeiterzufriedenheit die Spannung zwischen Mensch und Kapital auflösen können. Der Fokus auf den Menschen bedeutet nicht nur eine Win-Win-Situation für das Unternehmen und seine Mitarbeiter*innen, sondern zahlt sich mehr als aus: Wie zahlreiche Analysen zeigen, führt eine mitarbeiterzentrierte Führung zu einer deutlichen und nachhaltigen Verbesserung harter KPIs wie Fluktuationsrate, Krankentage, Fehlzeiten, Innovationskraft oder Mitarbeiterbindung und damit zu einer nachhaltigen und deutlichen Performance Verbesserung der Unternehmen.

Und was müssen Führungskräfte dafür tun?
Jens: Meiner Meinung nach müssen Sie es wagen, so zu führen, dass es so aussieht, als wenn sie gegen das gewohnte Führungsschema rebellieren. Führungskräfte müssen erkennen, dass alles, was sie sagen und tun, die gesamte Unternehmenskultur prägt. Sie sind diejenigen, die Ihren Mitarbeitenden Sicherheit und Perspektive bieten und sie im Rahmen ihre Fürsorgepflicht individuell entwickeln und empowern können, müssen und dürfen. Führung ist ein Privileg. Wer Menschen führt muss Menschen mögen. Und dafür ist es wichtig, mit sich selbst im Reinen zu sein und in einer guten Beziehung mit sich und seiner Umwelt zu stehen, selbst reflektiert zu agieren und die Potenziale der Mitarbeiter*innen zu erkennen. Und das geht nur im gegenseitigen Dialog mit einer Haltung aus Interesse, Offenheit, Augenhöhe, Empathie, Wertschätzung und Respekt. Wenn das gelingt, entsteht ein Gefühl der Verbundenheit und des Vertrauens als wichtige Grundlage einer Zusammenarbeit.

Was für eine Rolle spielen IT-Welt und Digitalisierung dabei?
Jens: Zum einen gibt es externe Komponenten: Unternehmen und ihre Kultur werden transparenter und werden mittlerweile auf Seiten wie kununu wie Restaurants oder Urlaubsdomizile bewertet. Zudem haben die Generation Y und Z viel mehr Arbeits-Optionen als frühere Generationen. Ein Paradigma von früher war zudem: Die Eltern wissen mehr als du selbst und die Älteren führen die Jüngeren. Das verstehen zwar noch nicht alle, aber in Zeiten, wo längst “Reverse-Mentoring”, also Jung hilft Alt, Einzug gehalten und Führungsverantwortung nichts mehr mit dem Alter zu tun hat, lautet das neue Paradigma “Generationsübergreifender offener Dialog auf Augenhöhe auf allen Ebenen”.

Zum Schluss: Wie geht es weiter? Brauchen wir nun Snapchat, um mit der nächsten Generation Alpha zu kommunizieren?
Jens: Das ist nicht unbedingt notwendig (lacht)! Ich als Vater kann nicht alles mitgehen, was meine Söhne mir technologisch vorleben. Wir kommen wieder zurück auf die Basis, dass ehrliches Vertrauen notwendig ist und eine Führungskraft lernen muss, Verantwortung zu delegieren und die Mitarbeitenden in die Verantwortung zu bringen. Darum mein Appell: Die Führenden sollten mehr zuhören, jungen Leuten mehr ver- und zutrauen und brauchen keine Angst zu haben, den Anschluss zu verlieren oder Altbewährtes aufzugeben. Chefs, die sich aus voller Überzeugung und mit Herz und Kopf in den Dienst Ihrer Leute stellen, werden mehr denn je gebraucht – vor allem von den Jungen, die sich nach echter Führung sehnen.

Über Jens:
Jens Alsleben ist Vater, Kölner Frohnatur und bei grossefreiheit.com Coach für Führungskräfte. In seinem Berufsleben hat er unterschiedliche Führungsmodelle kennengelernt und selbst gelebt: In den 80er Jahren hat er als Luftwaffenoffizier die Menschenführung bei der Bundeswehr kennen- und schätzen gelernt und wechselte dann in die Wirtschaft. Als junge Führungskraft bei einer Bank fand er früh einen Mentor, der ihm viel Vertrauen schenkte und ihn förderte. Er wurde Vorstandsassistent, Investment-Banker, dann Gesellschafter eines mittelständischen Unternehmens und war zuletzt rund 15 Jahre Partner bei einem Private-Equity-Fonds. Jens hat jahrzehntelang selbst geführt und sich intensiv um seine Mitarbeitenden gekümmert. Um sich selbst kümmert er sich, indem er sich seit 2004 regelmäßig coachen lässt, was er selbst als “Fitnessstudio für die Seele, um regelmäßig aufzutanken” bezeichnet.